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Neues Bestimmungsbuch für Möwen!

Endlich ein umfassendes Bestimmungsbuch für Möwen! Und das in deutscher Sprache.

Möwen sind unter Vogelbeobachtern die klassischen "Angstgegner" - selbst gestandene Ornitholog*innen haben oft ein mulmiges Gefühl beim Ansprechen einer immaturen Großmöwe oder stehen gar ratlos da, wenn ihnen schwierige Exemplare über den Weg fliegen. Das liegt an der ungeheuren innerartlichen Variationsbreite, an der komplexen, mehrjährigen Entwicklung des Gefieders vom juvenilen zum adulten Vogel, zudem wird die Bestimmung noch durch zahlreich auftretende Hybriden erschwert.

Möwen: "Für das ungeschulte Auge sehen sie alle gleich aus - gleichzeitig könnte man im Fall von Großmöwen sagen, dass kein Vogel dem anderen gleicht!", heißt es sehr richtig in der Einführung.

 

Dreizehenmöwe Deutschland Micha Neumann
Dreizehenmöwe (M. Neumann)

Mit diesem Buch haben die Autoren ein neues Handwerkszeug geschaffen, das die Möwenbestimmung aus dem Schattendasein des Expertentums heraus holen will -- so deren Anspruch. Und das sind nicht irgendwelche Autoren sondern allesamt Schwergewichte auf dem Gebiet der Möwenforschung: Peter Adriaens, der Koordinator dieses Werks, ist ein belgischer Ökologe, der nahezu jeden Winkel der Welt bereist hat, um seine Lieblingsobjekte zu studieren und zu fotografieren. Er gilt unter vielen Möwenfreunden als die Instanz schlechthin und hat unter anderem beeindruckende Monografien zu den Unterarten von Sturmmöwe und Mittelmeermöwe veröffentlicht. Mars Muusse ist Mitbegründer und Koordinator des Forschungsprojekts gull-research.org mit einer großen und gut struktrierten Online-Datenbank, Philippe Dubois hat zahlreiche ornithologische Bücher geschrieben, am bekanntesten wohl die in viele Sprachen übersetzte "Kleine Philosophie der Vögel", und schließlich Frédéric Jiguet, Professor am Pariser Naturhistorischen Museum, der unter anderem zwei Unterarten der Dominikanermöwe beschrieben hat.

Nun gibt es bereits ein großes Handbuch, die 2003 erschienene so genannte "Möwenbibel" von Klaus Malling Olsen ("Gulls of Europe, Asia and North America"), in dem ausführlich alle Kleidertypen der holarktischen Möwen beschrieben, von Hans Larsson hervorragend gemalt und zusätzlich mit vielen Fotos dokumentiert sind. Dazu noch "Gulls of the World" vom selben Autor, das 2018 herauskam und alle Möwenarten der Welt fotografisch vorstellt.
Die Messlatte ist also hoch, was die Erwartung an Adriaens & co. betrifft. Enthält dieser reine "Bestimmungsführer", wie er im Untertitel heißt, wirklich so viele neue Informationen, dass es sich lohnt, ihn zu kaufen? Die Antwort ist ja - der Erfahrungsreichtum der Autoren schlägt sich in vielen bisher nicht veröffentlichten Details nieder, ein tolles Buch, allerdings leider mit vielen Abstrichen, auf die ich gleich eingehen werde.

 

Ähnliche Arten direkt vergleichbar

Blick ins Buch: ähnliche Arten auf einen Blick vergleichen. Silbermöwe
Blick ins Buch: ähnliche Arten auf einen Blick vergleichen. Silbermöwe

Das Konzept ist ein vollkommen anderes als das von Olsen, nämlich wichtige Merkmale direkt am Foto mit Hinweispfeilen zu versehen, ähnliche Arten direkt zu vergleichen, mit relativ wenig beschreibendem Text daneben. Es sind keine Zeichnungen vorhanden, nur Fotos (ca. 1400 an der Zahl), und diese auch nicht schön untereinander, sondern als Collage der ausgeschnittenen Vögel ohne den natürlichen Foto-Hintergrund, individuell auf die Buchseiten drapiert. Dieser visuell-intuitive Ansatz ist sehr en vogue, mir persönlich aber nicht sympathisch. Erstens, da gezeichnete bzw. gemalte Abbildungen didaktisch meist besser aufgenommen werden können, weil sie die entscheidenden Merkmale in der Summe klarer herausstellen, zweitens weil ein Vergleich mit Vögeln in der gleichen Position analytisch einfacher ist. Andererseits fällt es leicht, sich auf dieses neue Outfit einzulassen, da es textlich nicht überfrachtet ist, sehr klar gehalten, und eben auf die Bestimmung der Arten abzielt statt auf deren Biologie.

Das Cover des in Klappenbroschur produzierten Buches zeigt ein Rosenmöwenpärchen, stimmungsvoll turtelnd auf dem arktischen Eis, ein wunderschönes Motiv, was auch ohne die darüber liegenden drei kleinen Bilder anderer Arten ausgekommen wäre. Im Rückentext fällt mir schon ein Fehler auf - da wird von den 45 Taxa gesprochen, die das Buch behandelt, doch eigentlich sind es 44 plus ein ausführliches Kapitel über die "Viking-Möwe" (warum nicht gleich Wikingermöwe?), die aber kein eigenes Taxon darstellt sondern einen Hybriden aus Silbermöwe und Eismöwe bezeichnet.

Das Vorwort gefällt mir ausgesprochen, da es alle Vogelbeobachter liebevoll mitnimmt und ihnen Mut macht, sich mit diesem komplexen Thema auseinander zu setzen. Es geht auch auf die jüngste Entwicklung ein, dass etwa seit einem Jahrzehnt große Mengen an guten Fotos in der digitalen Welt zur Verfügung stehen, die in Online-Foren schnell besprochen und bestimmt werden können.

In der Danksagung fallen erste grammatikalische Fehler und etwas unglückliche Ausdrücke auf, die der Übersetzung aus dem französischen Original geschuldet sind. Da wird auf die Unterschiede zu den bestehenden Möwenbüchern verwiesen und gesagt, dass es sich bei den abgebildeten Exemplaren um möglichst typische Individuen handelt, "...um als "Suchbild" für Vögel zu dienen, die außerhalb ihres normalen Verbreitungsgebietes sicher bestimmt werden können" (eine dieser etwas umständlichen, leicht missverständlichen Formulierungen).

Zyklensystem statt „Kleider“

Blick ins Buch: Lachmöwe. Auch die häufigen Arten haben es in sich, sicher werden viele andere seltene schwarzköpfige Arten übersehen, weil Möwen oft "ignoriert" werden.

Nun geht es ans Eingemachte: Die Einführung ist lang und umfasst den geographischen Geltungsbereich des Buches (Westpaläarktis plus die ganze Arabische Halbinsel und den Iran), Taxonomie, Topografie (inklusive Glossar der topografischen Begriffe), Bestimmungsansatz, Altersbestimmung und Mauserzyklen sowie Hinweise auf Artikel und Online-Datenbanken. Etwas verwunderlich ist der Ansatz, dass als erster Schritt zur Bestimmung eine Einteilung in kleine, mittelgroße und große Möwen erfolgt. Es hätte meiner Meinung nach genügt, kleine und mittelgroße in eine Gruppe und Großmöwen in eine zweite Gruppe zu setzen. Als zweiter Schritt soll nun eine Gesamteinschätzung erfolgen, in der Struktur, allgemeine Färbung und Musterung betrachtet werden und als dritter Schritt eine genaue Gefiederanalyse. Dass mittelgroße Möwen hier eine separate Gruppe bilden, liegt wohl daran, dass diese eine dreijährige Entwicklung zum adulten Vogel durchmachen, man also zwischen erstem und zweitem Zyklus, sowie adultem Tier unterscheiden kann, während Kleinmöwen eine zweijährige und die meisten Großmöwen eine vier- bis fünfjährige Entwicklung haben. Der Artenteil ist aber konsequent nach Zyklen geordnet, daher wollten die Autoren hier schon mal eine Trennung haben - die mir aber unnötig und etwas artifiziell erscheint.

 


Noch erstaunlicher ist die Aussage, dass eine "Altersbestimmung wichtig ist. Dennoch finden wir, dass sie in vielen Fällen eine untergeordnete Rolle spielt". Dabei ist sie das A und O bei der Bestimmung von Großmöwen - so kann eine Mittelmeermöwe mit großem Anteil an vermauserten Flügeldecken im ersten Zyklus (speziell im ersten Winter) einer Silbermöwe im zweiten Zyklus täuschend ähnlich sehen. Es wird erklärt, warum man auf die klassische europäische Altersterminologie (Kalenderjahre oder aber "erstes Winterkleid etc.") verzichtet und dafür auf das von Howell und Dunn in "Gulls of the Americas" etablierte Sytem der Mauserzyklen zurückgreift. Ich kann mir vorstellen, dass das etliche Vogelbeobachter bereits ziemlich abschreckt. Es hat auch den Nachteil, dass ein Zyklus etwa ein Jahr dauert, eine Möwe daher innerhalb dieses Zyklus' sehr unterschiedlich aussehen kann. Dennoch ist das Zyklussystem für Möwen der richtige Ansatz und kann schnell gelernt werden.
Sowohl Mauser als auch Zyklen werden pro Möwenkategorie sehr ausführlich in der Einführung besprochen, teilweise redundant, da sowohl Mauser als auch Zyklen in getrennten Einheiten behandelt werden, sie aber mehr oder weniger dasselbe Phänomen bezeichnen. Verschiedene Sonderfälle werden erwähnt und sehr hilfreich sind die Abbildungen, die grundsätzliche Unterschiede in den Gefiederpartien der verschiedenen Altersklassen darstellen.

Was mir aber eindeutig fehlt, sind Hinweise auf die vielfältigen möglichen "Fallgruben" bei der Bestimmung von Möwen, zum Beispiel die Einschätzung des Grautons des Gefieders, die sowohl vom Licht als auch vom Betrachtungswinkel abhängt, oder dass weibliche Möwen allgemein kleiner sind und dadurch eine andere Struktur haben (dünnerer, weniger klobiger Schnabel sowie im Schnitt längere Handschwingenprojektion), dass Vögel während der Handschwingenmauser sehr kurzflügelig wirken können und nicht das gesamte Flügelmuster zeigen oder dass es bei allen immaturen Großmöwen innerhalb einer Art dunkle und helle Typen sowie solche mit eher kräftigem als auch solche mit eher schwachem Muster gibt. Oder dass Vögel mit abgenutztem und ausgebleichtem Gefieder im Frühsommer oft nicht bestimmbar sind. Manche dieser Hinweise finden sich jedoch rudimentär im Hauptteil bei den jeweiligen Arten.

Korallenmöwe Spanien Christoph Moning
Korallenmöwe (C. Moning)
Schwarzkopfmöwe Deutschland Christoph Moning
Schwarzkopfmöwe (C. Moning)

Gute Vergleichsbilder

Die im Hauptteil behandelten 34 Arten erscheinen in taxonomischer Reihenfolge, also nicht nach den Größenkategorien geordnet. Es werden die deutschen und wissenschaftlichen Namen aufgeführt. Man hätte hier zumindest auch noch den englischen Namen hinzufügen sollen.
Es folgt ein gelb markierter Text zur "Gestalt", in dem aber auch allgemeine Informationen zur jeweiligen Art untergebracht werden. Bei der Beschreibung erscheinen die Alterskategorien adult, erster, zweiter und dritter Zyklus in getrennten Abschnitten.
Die Kleinmöwen werden naturgemäß in zwei (bis drei) Alterskategorien und pro Art meist auf nur zwei Doppelseiten behandelt, mittelgroße Möwen in drei und Großmöwen in vier Alterskategorien und auf vier bis sogar fünf Doppelseiten. Sehr gut ist der immer hellgelb unterlegte Bildteil mit den ähnlichen Arten - hier kann man diese direkt mit der gerade behandelten Art vergleichen, Pfeile weisen auf die Unterschiede hin. Das gibt es in jedem Zyklusteil, so werden gleichaltrige Individuen ähnlicher Arten nebeneinander gestellt. Die Qualität der Fotos ist durchweg gut bis sehr gut, bei manchen der juvenilen Möwen aber leicht rotstichig. Am Ende jedes Artkapitels steht ein gelb markierter Text zum Verbreitungsgebiet, bei in der Westpaläarktis brütenden Arten mit Karte. Letztere sind seit Olsen teils aktualisiert, teils aus Mangel an Informationen über osteuropäische Populationen mit ähnlichen Ungenauigkeiten behaftet wie in der "Möwenbibel".

Möwen, Möwen, Möwen... Wer kennt die Namen, zählt die Arten... Am Strand von IJmuiden (NL), Oktober 2021. Foto: TGP/birdingtours

Der Wermutstropfen

Der wirkliche Wermutstropfen dieser ersten Ausgabe sind die leider zahlreichen Inkohärenzen (Text sagt etwas, das Bild etwas anderes) und die vielen umständlichen Ausdrücke, die offensichtlich an der fachlich unzureichend lektorierten Übersetzung liegen. Das beste Beispiel dieser Art ist der Ausdruck "Schlange" für Nackenband, Schal oder Kragen. Selbst "Boa", wie es vermutlich im Original heißt, wäre absolut verständlich gewesen, man kennt das zum Beispiel von der juvenilen Steppenweihe. Noch schwerer wiegen einige inhaltliche Fehler - so steht mindestens vier mal "Vorderrand" (des Flügels) statt Hinterrand (bei Sturmmöwe, zweimal Ringschnabelmöwe, Heringsmöwe) - ich vermute, auch hier liegt ein Übersetzungsfehler vor ("trailing edge"?).

Trotzdem Empfehlenswert

Dennoch würde ich dieses Buch jedem Vogelbeobachter empfehlen - und zwar gemeinsam und ergänzend zu Olsen's Handbuch von 2003 - das nur zwanzig Euro mehr kostet. Auch Möwenexperten entdecken sicher das eine oder andere Merkmal, das sie noch nicht kannten. Endlich werden einem zum Beispiel Sturmmöwen der russischen Unterart heinei präzise erklärt. Was das Buch leider nicht abdeckt, sind ungewöhnliche Individuen - der Text weist recht selten auf die mögliche innerartliche Variationsbreite hin, und die Großmöwenhybriden werden mit nur zwei Doppelseiten auch stiefmütterlich behandelt. Da sind dann Spezialartikel und Internetforen der momentan einzige Weg, um auch darin eine gute Orientierung zu erlangen. Möwenbestimmung wird immer spannend bleiben!

 

Adriaens, Peter / Muusse, Mars / Dubois, Philippe J. / Jiguet, Frédéric / Rust, Anne-Sophie (Übersetzung) / Weber, Sigrid (Redaktion)
Die Möwen Europas, Nordafrikas und Vorderasiens
Der Bestimmungsführer

Der Bestimmungsführer zu allen Möwenarten zwischen Nordkap und Nordafrika.
1. Auflage 2021
320 Seiten, ca. 1400 Abbildungen
Klappenbroschur, 17 x 24 cm, 930 g
Haupt Verlag
CHF 46.00 (UVP) / EUR 39.00 (D) / EUR 40.10 (A)
 

2019-Lou-Bertalan-birdingtours-Reiseleiter

Eins ist auf jeden Fall klar:

Auch wenn ich mich jetzt seit zwei Jahrzehnten intensiv mit der Möwenbestimmung beschäftige, die Möwenbestimmung wird immer spannend bleiben!

Lou Bertalan

 

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