Volker Sthamer im Interview mit birdingtours

Ein Leben mit Afrika: Volker Sthamer über Vogelwelt, Erfahrung und Reisen

Seit seiner Kindheit ist Volker Sthamer mit Afrika verbunden. Er wuchs in Mosambik auf, lebte und arbeitete viele weitere Jahre in verschiedenen Ländern des Kontinents und kehrt bis heute regelmäßig für längere Zeit dorthin zurück. Diese jahrzehntelange Erfahrung prägt nicht nur seinen Blick auf die Vogelwelt, sondern auch auf Landschaften, Menschen und Veränderungen, die sich über lange Zeiträume beobachten lassen.

Im Gespräch erzählt Volker, warum Afrika weit mehr ist als die bekannten Safari-Bilder, wie Erfahrung den Blick auf Lebensräume schärft, was sich in Ostafrika aus seiner Sicht deutlich verändert hat und weshalb eine gute Vogelreise immer mehr ist als eine lange Artenliste. Ein Interview über Neugier, Verantwortung und die Kunst, draußen genauer hinzusehen.

Porträt von Volker Sthamer mit Kameraausrüstung in Afrika – Reiseleiter und Vogelbeobachter

Volker Sthamer unterwegs in Afrika

Wie alles begann

Du hast einen großen Teil deines Lebens in Afrika und anderen tropischen Regionen verbracht und bist in Mosambik aufgewachsen. Wie haben dich diese Jahre geprägt – als Mensch und als Vogelbeobachter?

Zu den insgesamt 45 Jahren, die ich in Afrika gelebt habe, kommen noch sieben Jahre in Mexiko hinzu. Das Ausland – wobei ich mich oft frage, was für mich eigentlich Ausland ist – hat natürlich meine Anschauungen stark geprägt. In den Ländern, in denen ich zunächst allein und später auch mit Familie gelebt habe, habe ich mich intensiv mit Natur, Ethnologie, Kultur, Politik und Wirtschaft befasst. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, viele Eigenschaften dieser Länder und ihrer Menschen kennenzulernen und besser zu verstehen.

Gelernt habe ich auch, dass wir die Fremden in diesen Ländern sind, dass bei uns nicht alles besser ist und dass wir die lokale Kultur akzeptieren sollten, auch wenn man nicht mit allem einverstanden sein kann.

Seit meiner Kindheit hat mich die Tierwelt Afrikas interessiert. Daraus ist ein lebenslanges Hobby entstanden. Mein Vater, der selbst in Afrika geboren und aufgewachsen ist, spielte dabei eine bedeutende Rolle. Während der 18 Jahre, die wir in Äthiopien gelebt haben, habe ich mich sehr intensiv mit der Vogelwelt und der übrigen Tierwelt Ostafrikas befasst. Beides hat unsere Freizeit stark geprägt, weil wir viel Zeit draußen in der Natur verbracht haben.

Viele Menschen denken bei Afrika zuerst an einzelne Tierarten oder klassische Safari-Bilder. Was erschließt sich an diesem Kontinent erst dann wirklich, wenn man sich auf ihn einlässt?

Obwohl die Vielfalt der Tierwelt Afrikas bezaubernd ist und für viele Länder wirtschaftlich eine wichtige Rolle spielt, begrenzt sich Afrika natürlich nicht nur darauf. Oft höre ich den Satz: „das Land Afrika“. Afrika ist kein Land, sondern ein Kontinent, der zehnmal größer als Europa ist und eine enorme Vielfalt an Völkern, Kulturen und Religionen vereint.

Man muss nicht zwingend sehr lange in einem Land oder auf einem Kontinent unterwegs sein, damit sich Neues erschließt. Selbst wenn der Fokus unserer Reisen die Vogelwelt ist, sollte man sich schon im Voraus mit dem Land beschäftigen, das man besucht. Dafür habe ich im letzten Jahr ein Infoblatt zusammengestellt, das mit der Buchungsbestätigung an die Gäste verschickt wird. Es enthält Informationen zum Land und Empfehlungen zur Vorbereitung. Wer sich vor der Reise damit befasst, entdeckt während der Tour viele Dinge wieder, über die er vorher gelesen hat, und kann vieles besser einordnen und intensiver erleben.

Rotschwanzmeerkatze in Afrika – Wildtierbeobachtung im Rahmen des Interviews mit Volker Sthamer

Rotschwanzmeerkatze in Afrika

Wenn du an deine frühen Jahre in Mosambik zurückdenkst: Gibt es ein Naturerlebnis oder eine Vogelbeobachtung, die dich bis heute begleitet?

Ja, ein Naturerlebnis, das mich sehr beeindruckt hat und mich bis heute begleitet, ist die Sintflut am Sambesi Anfang der 1960er Jahre. Als der Kariba-Stausee im damaligen Rhodesien, heute Simbabwe, zum ersten Mal gefüllt wurde, gab es enorme Überschwemmungen und tausende Wildtiere drohten zu ertrinken. Es war beeindruckend, wie hunderte Ranger und Freiwillige mit Booten und selbst gebauten Flößen eine einmalige Tierrettungsaktion durchführten.

Du hast in sehr unterschiedlichen Ländern gelebt und gearbeitet. Wann wurde aus frühem Interesse eine wirkliche, lebenslange Bindung an die Vogelwelt?

Das war während der Jahre in Äthiopien. Die dortige Vogelwelt mit rund 40 Endemiten hat mich fasziniert. Auch der Vogelzug spielte eine große Rolle, denn Äthiopien ist Rastplatz zahlreicher paläarktischer, aber auch interafrikanischer Vogelarten.

Erfahrung, Intuition, Blick

Hast du manchmal schon morgens beim Aufstehen das Gefühl, heute wird ein guter Beobachtungstag – oder eher ein schwieriger?

Ja klar, dieses Gefühl habe ich. Es ist allerdings stark regionsabhängig. Nachdem ich die Ostafrika-Reisen ausgearbeitet habe und sie seit vielen Jahren leite, weiß ich ziemlich genau, was uns an jedem Tag erwartet und nach welchen Arten wir Ausschau halten werden. Trotzdem gibt es immer wieder Überraschungen und plötzlich entdecken wir eine unerwartete Art – es ist eben kein Zoo.

Gibt es Dinge, auf die du heute ganz automatisch achtest, die weniger erfahrenen Vogelbeobachtern oft entgehen?

Ja, ganz eindeutig. Vögel halten sich je nach Art in bestimmten Büschen, Bäumen oder Landschaftsebenen auf. Diese Bereiche suche ich automatisch nach den jeweils zu erwartenden Arten ab. Dazu kommt die Tageszeit, denn die Aktivität der meisten Vögel hängt stark davon ab. Auch Dinge wie fruchttragende Bäume spielen eine große Rolle.

Graukehl-Nikator in Afrika – Vogelbeobachtung im Umfeld des Interviews mit Volker Sthamer

Graukehl-Nikator - Foto: Volker Sthamer

Du hast Veränderungen über Jahrzehnte miterlebt: Was hat sich in der Vogelwelt und in den Lebensräumen Ostafrikas aus deiner Sicht am deutlichsten verändert?

In der Vogelwelt fällt auf, dass viele Zugvögel nicht mehr wegziehen und inzwischen auch in Ostafrika brüten. Darüber hinaus hat sich das Klima in Ostafrika – wie in vielen Teilen der Erde – deutlich verändert, ebenso die Wasserstände der großen Seen im Afrikanischen Graben und der Flüsse. Regen- und Trockenzeiten sind nicht mehr so klar definiert wie früher.

Die Regenfälle sind oft sehr lokal: In einer Region herrscht lange Trockenheit, nicht weit davon gibt es verheerende Überschwemmungen. Gleichzeitig nehmen die großen Seen des Afrikanischen Grabens stetig an Wasser zu, ebenso etwa der Nil.

Unterwegs als Reiseleiter

Was macht für dich einen wirklich gelungenen Tag auf einer birdingtours-Reise aus – unabhängig davon, wie viele Arten am Ende auf der Liste stehen?

Das ist ganz eindeutig die Zufriedenheit der Gäste.

Volker Sthamer mit Birdern in Afrika – unterwegs mit einer Vogelbeobachtungsgruppe

Volker Sthamer mit Birdern in Afrika

Was gefällt dir besonders daran, mit einer Gruppe draußen unterwegs zu sein und Beobachtungen mit anderen zu teilen?

Interesse, Enthusiasmus und das Mitwirken der Gäste.

Gab es auf deinen Reisen einen Moment, in dem du dachtest: Genau dafür mache ich das?

Absolut. Schöne Sichtungen und die Zufriedenheit der Gäste sind der Grund, warum ich Reisen leite und genieße. Wenn der Tag kommt, an dem ich dieses Gefühl nicht mehr habe, höre ich auf, Reisen zu leiten.

Länder, Lebensräume, Arten

Du leitest Reisen nach Tansania und Uganda. Was unterscheidet diese Länder aus Sicht der Vogelbeobachtung?

Aus Sicht der Vogelbeobachtung kann man die Länder nicht direkt miteinander vergleichen. Ich habe pro Land zwei Reisen erarbeitet, weil die Habitate so verschieden sind und dadurch auch andere Vögel und Wildtiere zu sehen sind. Alle vier Reisen sind komplementär. Wer die Uganda-Nord-Tour gemacht hat, wird auf der Uganda-Süd-Tour eine ganz andere Vogelwelt erleben. So ist es auch in Tansania.

Welche Region oder welcher Lebensraum in Afrika hat für dich ornithologisch einen ganz eigenen Charakter?

Äthiopien mit seinem östlichen und westlichen Hochland, dem Afrikanischen Graben, dem Tal des Blauen Nils und anderer großer Flüsse, seinen Urwäldern, Sümpfen und Wüsten bietet eine enorme Vielfalt an Habitaten, die ganz spezifische Vogelarten beherbergen – darunter zahlreiche Endemiten. In Äthiopien und Eritrea, zwei aneinandergrenzenden Ländern mit fast identischen Habitaten, leben rund 40 endemische Vogelarten.

Außerdem stehen in beiden Ländern weder Vögel noch andere Wildtiere auf dem Speiseplan. Das führt dazu, dass sie nicht scheu sind und sich oft aus nächster Nähe beobachten lassen. Leider kann man die Region wegen der weit verbreiteten Unruhen derzeit nicht bereisen.

Welche drei Vogelarten würdest du jemandem, der zum ersten Mal mit dir nach Afrika reist, besonders gern zeigen – und warum?

Für jemanden, der zum ersten Mal nach Afrika reist, ist praktisch jeder Vogel ein „Lifer“. Insofern würde ich diesem Gast am liebsten jeden Vogel zeigen. Als große Besonderheiten wären da zum Beispiel der Schuhschnabel – ein imposanter, urzeitlich anmutender und seltener Vogel –, die Grünbrustpitta – sehr bunt, äußerst selten und nur sehr lokal zu finden – und der Schwarzbrust-Bartvogel, der größte Bartvogel überhaupt und eine echte Herausforderung beim Auffinden.

Schuhschnabel im Flug in Afrika – beeindruckende Vogelbeobachtung im Umfeld des Interviews mit Volker Sthamer

Schuhschnabel im Flug - Foto: Volker Sthamer

Du hast einmal gesagt, dass dir besonders die Bartvögel am Herzen liegen. Was macht diese Vogelgruppe für dich so besonders?

In Afrika gibt es über 40 verschiedene Bartvogelarten, und alle teilen eine besondere Eigenschaft: ihr geselliges Sozialverhalten. Sie leben meist in kleinen Familientrupps zwischen zwei und fünf Vögeln, und ich konnte in all den Jahren nie Streitigkeiten untereinander beobachten. Außerdem sind es meist sehr hübsche Vögel.

Verantwortung und Haltung

Du warst auch im Naturschutz aktiv. Was braucht es aus deiner Sicht, damit Natur- und Vogelreisen nicht nur schöne Erlebnisse bieten, sondern auch sinnvoll mit Schutz und Verantwortung verbunden sind?

Unsere Vogelbeobachtungsreisen können nur erfolgreich sein, wenn wir den Gästen eine große Vielfalt und besondere Vögel zeigen können. Damit das gewährleistet werden kann, muss die Vorgehensweise beim Birden für Tier und Umwelt verträglich sein. Außerdem sollten wir überall dort, wo es möglich ist, einen Beitrag leisten, um Habitate und Tierwelt zu schützen.

Ein Beispiel dafür ist unser Schuhschnabel-Projekt in Uganda. Menschliche Einflüsse in einem der wichtigsten Gebiete dieser Art haben dazu geführt, dass das Brutverhalten des Vogels gestört wurde und die Population stark abnahm. Wir haben deshalb zusammen mit lokalen Stakeholdern eine Arbeitsgruppe gegründet, die mit konkreten Maßnahmen Habitat und Vogel schützt.

Purpurhuhn in Afrika – farbenprächtiger Wasservogel aus dem Umfeld des Interviews mit Volker Sthamer

Purpurhuhn - Foto: Volker Sthamer

Welche Rolle spielen lokale Guides, lokale Kenntnisse und die Menschen vor Ort für gute Vogelreisen in Afrika?

Lokale Kenntnisse sind ausschlaggebend für eine erfolgreiche Vogelreise. Meines Erachtens muss ein Reiseleiter die Länder, durch die er Gäste führt, sehr gut kennen. Auf den Reisen, die ich leite, habe ich in bestimmten Regionen lokale Guides dabei. Diese sind das ganze Jahr vor Ort und wissen, wo sich zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts welche Vögel am häufigsten aufhalten.

Das Einbinden lokaler Guides trägt außerdem dazu bei, dass sie selbst zum Schutz der Vögel beitragen und in ihren Gemeinschaften darauf achten, dass diese geschützt werden. Ohne Vögel kein Einkommen.

Persönlicher Ausklang

Gibt es eine Beobachtung oder eine Art, für die du heute noch genauso neugierig bist wie ganz am Anfang?

Es sind so viele Arten, die mich immer noch faszinieren, selbst wenn ich sie bereits zum hundertsten Mal gesehen habe.

Nachdem sich dein Wunsch nach dem Grünbrust-Pitta erfüllt hat: Was zieht dich heute noch hinaus, was möchtest du unbedingt noch erleben?

Ja, die Pitta war ein Wunschvogel, aber jede Reise ist ein neues Erlebnis. Wir hatten in den letzten Jahren immer zwei aufeinanderfolgende Reisen in den Norden Ugandas, 2026 sogar drei. Mich fragen Gäste oft, ob es nicht langweilig sei, die gleiche Tour hintereinander zu machen. Nein, ist es nicht, denn bei jeder Reise gibt es andere Sichtungen und einzigartige Erlebnisse. Was mich heute noch hinauszieht und was ich unbedingt noch erleben möchte? Ganz einfach: die nächste Reise.

Volker Sthamer und Reisegäste beim Fotografieren in Afrika – unterwegs auf Vogelreise

Volker Sthamer und Gruppe beim Fotografieren in Afrika

Was wünschst du dir, dass Gäste von einer Reise mit dir nicht nur an Artenlisten, sondern auch menschlich mit nach Hause nehmen?

Ich wünsche mir, dass die Gäste bleibende Eindrücke vom Land und von seinen Menschen mitnehmen. Dass sie erleben, wie die Menschen vor Ort uns zeigen, dass es trotz Armut und schwieriger Lebensbedingungen immer noch ein Lächeln geben kann – und dass man das Positive in den Vordergrund stellen sollte.

Wir bedanken uns herzlich bei Volker Sthamer für dieses tiefgehende Interview, das den Kontinent und die Vogelwelt Afrikas noch einmal auf besonders anschauliche Weise näherbringt.

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