Der Kranich: Ein Vogelporträt
Jeden Herbst erreichen den lokalen "Vogelexperten" Anrufe, Chat-Nachrichten, E-Mails aus der Bevölkerung, die den Kranich betreffen. Mal kommen die großen Vögel zu früh, mal kommen sie gar nicht oder erst im Dezember. Ähnliches, wenngleich weniger intensiv, ereignet sich im Frühjahr. Wie auch immer die Antworten auf die Fragen der besorgten Menschen ausfallen, deutlich wird, die Kraniche und vor allem ihr Zug über Stadt und Land lassen uns Menschen nicht kalt.
Ihr spektakulärer Zug vor allem am Herbsthimmel macht die Kraniche auch dort zu bekannten Vögeln, wo sie als Brutvögel gar nicht vorkommen. Und ihre Schönheit, ihre spektakulären Balztänze haben sie schon im Altertum zu Subjekten der Mythologie gemacht. Als Vögel des Glücks sind sie in Japan bekannt, den alten Griechen war der Kranich ein Symbol der Wachsamkeit und Klugheit. Eigentlich haben alle Völker, in deren Gebiet Kraniche, auch andere Arten als unsere “Graukraniche”, als Brutvögel oder Durchzügler vorkommen, die großen, "stolzen" Vögel in ihren Sagenschatz oder ihre Mythologie aufgenommen
Fliegen in Formation
Beeindruckend ist die strenge Einhaltung einer Formation bei langen Flügen großer Gruppen. An der Spitze des V-förmigen Verbands fliegen starke, erfahrene Kraniche. Da sie eine härtere Flugarbeit leisten müssen, werden sie oft abgewechselt. Für den Schwarm aber ergeben sich beachtliche Vorteile, denn das Fliegen im Keil bringt eine Einsparung an aufgewandter Energie von bis zu 30 Prozent. Andere große Schwarmflieger, wie Kormoran und Gänse, nutzen auch diese Technik. Dabei nutzt jeder Vogel den Aufwind (sogenannte Wirbelschleppe), der durch die Flügelspitzen des Vordervogels entsteht. Der Vogel schräg dahinter fliegt dadurch im Auftrieb und spart Kraft, da er weniger Flügelschläge benötigt. Nach der Spitze des Keils folgen dann Familien mit ihren Kindern. Übrigens: Neben den trompetenden Rufen können wir bei günstigen Bedingungen auch piepsende Rufe vernehmen. Diese stammen von den einjährigen Kindern, die zum ersten mal mitfliegen. Bei konstanten Flugbedingungen könnten die Tiere ohne Halt bis nach Südeuropa fliegen. Sie legen aber oft Pausen ein und manches Mal hält sie schlechtes Wetter und Nebel tagelang am Boden.
Der Kranich unterwegs: Schneller zuhause
Die Notwendigkeit sich auf den weiten und nicht gefahrlosen Weg nach Spanien oder Nordafrika zu machen, fällt also für manche Kraniche weg. Noch ein Vorteil kann das Überwintern haben: Die Kraniche, die hier bleiben, können sehr viel schneller wieder ihre bewährten Brutplätze besetzen, während die Fernzieher mit den Plätzen vorlieb nehmen müssen, die übrig bleiben.
Ganz ähnlich ist es auch mit den Weißstörchen, von denen eine wachsende Zahl den Winter in Mitteleuropa verbringt. Wird es aber doch mal richtig frostig und Schnee und Eis “verschließen” die Landschaft, dann weichen die Kraniche in Richtung Südwest aus und müssen meist nicht lange fliegen, um schneefreie Landschaften zu erreichen.
Der Kranich und seine erprobten Routen
Kraniche aus Mitteleuropa, Skandinavien und zunehmend auch aus dem Baltikum, Finnland und Weißrussland nutzen den westeuropäischen Zugweg und überwintern in Frankreich, Spanien und nur noch eine geringen Anzahl fliegt bis Nordafrika. Auf der westeuropäischen Zugroute erreichen etwa 250.000 Kraniche Spanien, 130.000 bleiben in Frankreich und nur wenige tausend Vögel verbringen den Winter in Portugal und Nordwestafrika.
Wachsender Bestand der Kraniche
Ähnlich wie bei den Weißstörchen nimmt die Zahl der Kraniche stetig zu. Lebten vor der Wende (1990) nur noch wenige Handvoll Kranichpaare (1972 lediglich 16 Paare!) in Westdeutschland und in der DDR 1990 etwa eintausend, so brüten jetzt in Deutschland an die 13.000 Paare! Ein toller Erfolg des Naturschutzes und natürlich auch der anpassungfähigen Kraniche selbst. Mittlerweile brüten sie auch regelmäßig in England, aus Italien werden Bruten gemeldet, in den Niederlanden nehmen die neu gegründeten Bestände zu und auch Frankreich meldet brütende “Grues”.
Mithelfen bei der Kranichforschung
Das Kranich-Informationszentrum des NABU sammelt bundesweit Daten zum Kranichzug. Nicht nur ziehende Kranichkeile sollten gemeldet werden, sondern auch rastende Kraniche und andere besondere Vorkommnisse sind von Interesse. Außerdem freuen sich die Kranichforscher besonders über Informationen zu beobachteten beringten Kranichen. Tipp: “Die Ringablesung erfolgt von oben nach unten. Auf dem linken Bein findet sich die Landeskennung, auf dem rechten Bein eine Individualkennung”.
Kraniche – sie sind die “Vögel de Glücks”! Weltweit gelten sie als Sinnbild für Frieden, Weisheit, Langlebigkeit und Glück. Aufmerksam geworden durch ihr trompetendes Rufen können wir am Herbsthimmel die Keile der Kraniche nach Südwesten eilen sehen und kaum ein Mensch, der dieses kurze Schauspiel erlebt, der nicht gerne mitfliegen würde.
Thomas Griesohn-Pflieger (2026-02)
PS: Wie wir fliegende Keile von Kranichen, Kormoranen und Gänsen unterscheiden können, wird hier bei birdingtours erklärt: www.birdingtours.de/blog/einsteigertipp-kranich-wildgans-oder-kormoran/