Die Blaumeise: Ein Vogelporträt
Es gibt wohl in Mitteleuropa kaum einen Garten, in dem nicht schon eine Blaumeise nach Nahrung gesucht, eine Strophe getrillert oder in einen Nistkasten gelugt hat. Sie ist eine der häufigsten Meisen und wird nur noch von der Kohlmeise übertroffen, deren geschätzter Bestand bei über 7 Millionen liegt, während der der Blaumeise auf etwa 5 Millionen geschätzt wird. In 30 Jahren hat der Bestand der Blaumeise bei uns etwa um 20 Prozent zugenommen.
Da die Blaumeise Laubwälder, vor allem wenn dort Eichen wachsen, stark bevorzugt und in Nadelwäldern so gut wie nie zu hören ist, schränkt das ihre Verbreitung etwas ein. Die Kohlmeise hingegen besiedelt auch Mischwälder, wenngleich auch sie die samenreichen Laubwälder bevorzugt.
Unverkennbarer Gesang
Die Blaumeise zählt zu den kleinen Vertreterinnen in der Familie Paridae (Meisen) und gehört zur Gattung Cyanistes, was wir mit “Blaumeisen” übersetzen können. Zu dieser Gattung zählt neben der Blaumeise mit ihren bis zu 16 Unterarten auch die Lasurmeise, die weit im Osten vorkommt und ein Inselvorkommen in Belarus hat. Die Blaumeise ist unverkennbar und allgemein gut bekannt, weil sie keine engen Verwandten bei uns in Mitteleuropa hat. Auch der Gesang der Blaumeise gibt wenig Anlass zu Verwechselungen, er ist zwar sehr abwechslungsreich, folgt aber immer dem selben Muster: meist beginnt er mit einem hohen „tii-tii“ und endet mit einem hübschen Triller. Wilhelm Busch hat den kleinen Sängern einen Vers gestiftet:
Hell flötet sie und klettert munter
Am Strauch kopfüber und kopfunter
Das härt’ste Korn verschmäht sie nicht,
Sie hämmert bis die Schale bricht.
Mit dem Brutplatz verheiratet
So klein der Vogel ist, so groß ist seine Leistung beim Produzieren von Nachwuchs. Unter den Singvögeln unserer Breiten ist die Blaumeise Rekordhalterin mit acht bis zwölf Eiern pro Gelege!
Blaumeisen, die schon einmal gemeinsam gebrütet haben, tauchen fast gleichzeitig wieder im Brutrevier des Vorjahres auf. Ist das nicht der Fall, und einer der Partner verspätet sich oder fehlt, wird nach etwa einer Woche eine neue Partnerin oder ein neuer Partner gesucht und meist auch gefunden. Das haben Wissenschaftler*innen des Max-Planck-Instituts für Ornithologie herausgefunden. Die unterschiedliche Ankunft am Brutplatz ist vermutlich der Grund für die Scheidungen der Partner. Die kleinen Vögel haben es eilig, denn sie müssen die Zeit zur Aufzucht der vielen Kinder gut nutzen. Je später das Jahr desto schwieriger ist das Versorgen des Nachwuchses mit Insektenlarven, die die Hauptnahrung im Frühjahr darstellen.
Kalorien als Hochzeitsgeschen
Meist ist der Blaumeisenmann als erster der Partner am Brutplatz. Intensiv wird die Bruthöhle des vorigen Jahres gegenüber Konkurrenten, auch gegen die stärkere Kohlmeise, verteidigt. Falls sie schon besetzt oder nicht mehr brauchbar ist, sucht der Meisenmann intensiv nach Ersatz, den er seiner Partnerin dann mit langen Strophen und wiederholtem Anfliegen präsentiert. Dieses Ritual des “Wohnungszeigens” stärkt die Paarbindung und wirkt nach Ansicht der Wissenschaftler auch als sexuelle Stimulation. Eine weitere Interaktion, nämlich das Balzfüttern lässt sich auch oft beobachten. Dabei benimmt sich sich die Meisenfrau wie ein Jungvogel und bettelt mit geöffnetem Schnabel und zitternden Flügeln das Männchen an. Neben der Paarbindung, die wir hier ebenfalls als Zweck vermuten können, ist diese Fütterung für die Meisenfrau auch schlicht und einfach eine wichtige Nahrungszufuhr. Die Produktion von bis zu zwölf Eier kostet eine Menge Energie, die in Form von kleinen Räupchen, Blatt- und Blütenknospen vom Meisenmann angeboten wird. Die Sterberate der jungen Blaumeisen ist vor allem im ersten Jahr recht hoch, man rechnet damit, dass nur ein Viertel der ausgeflogenen Jungvögel im nächsten Jahr selbst zur Brut schreiten kann.
Blaumeisensterben in 2020
Suttonella ornithocola: So heißt das Bakterium, das im Frühjahr 2020 in Deutschland ein überregionales Blaumeisensterben auslöste. Dieses Bakterium war bis dahin nur aus Großbritannien bekannt, wo man es für einen innerhalb der Meisenpopulation verbreiteten und etablierten Erreger hält. Infektionen mit diesem Erreger kommen in Großbritannien nicht selten vor, aber längst nicht mit so vielen Todesfällen wie 2020 in Mitteleuropa. Im April 2018 wurde Suttonella ornithocola erstmals in Deutschland bei mehreren Meisen nachgewiesen. Das massenhafte Auftreten mit vielen toten Meisen im Frühjahr 2020 gilt als für den Erreger einzigartig.
Beim der jährlichen Vogelzählung am Muttertagswochenende 2020 Jahr wurden bundesweit 22 Prozent weniger Blaumeisen pro Garten gemeldet. Ein solcher Ausbruch kann jederzeit wieder passieren, deshalb sollten alle Gartenbesitzer, Vogelfreundinnen und Spaziergänger tot gefundene Blaumeisen, den jeweiligen lokalen Behörden (Untere Veterinärbehörde / Amtstierarzt) melden.