Reiseleiterin und Wildtiermanagerin Ronja Schlosser im Interview
Unsere Reiseleiterin Ronja Schlosser über das Leben mit der Natur
Wenn Ronja Schlosser durch die Streuobstwiesen Mittelfrankens geht, wandert ihr Blick fast automatisch zum Himmel. Ihr geschulter Blick sucht Bewegung im Wind, ihre Ohren lauschen nach leisen Rufen. Oft entdeckt sie Vögel, bevor andere sie überhaupt wahrnehmen.

„Man weiß nie, was einen erwartet“, sagt sie. „Das ist das Schöne an der Vogelbeobachtung – man muss lernen, wirklich hinzusehen und hinzuhören.“ Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.
Geboren 1995 in Burgbernheim, wuchs Ronja mit einer frühen Begeisterung für Tiere auf. Sie studierte Waldwirtschaft und Umwelt in Freiburg und absolvierte danach den Master Wildtierökologie und Wildtiermanagement in Wien.
Heute arbeitet sie als Wildtiermanagerin an einer höheren Naturschutzbehörde in Bayern – und steht damit mitten im Spannungsfeld von Naturschutz, Öffentlichkeit und praktischer Arbeit mit Wildtieren. Und natürlich leitet sie einige wunderschöne Reisen bei birdingtours.
Wir haben mit Ronja über ihre Arbeit im Naturschutz gesprochen – über die Rückkehr der Wölfe, die Faszination der Vogelwelt und darüber, was es bedeutet, heute zwischen Mensch und Natur zu vermitteln.
Lesen Sie im Interview, wie Ronja Schlosser über Nähe und Distanz in der Natur spricht – über Verantwortung, Geduld und darüber, wie Wolf und Wiesenweihe ein Leben prägen können.
Ronja, kannst du dich an den Moment erinnern, in dem du zum ersten Mal gespürt hast, dass dich Tiere und Natur wirklich faszinieren?
Das ist schwer an einem einzelnen Moment festzumachen. Ich habe von klein auf mit meiner Familie viel Zeit in der Natur verbracht, vor allem in den Wäldern und Streuobstwiesen vor unserer Haustür. In der Abenddämmerung ging es regelmäßig an einen Teich zum Fledermäuse und Biber beobachten. An Regentagen suchten wir nach Feuersalamandern. Wenn in einer Scheune Schleiereulen gebrütet haben, waren wir vor Ort. Mit jedem besonderen Erlebnis wuchs meine Begeisterung.

Du hast dich für ein Leben entschieden, das stark mit der Natur verbunden ist – Naturschutz, Wildtierökologie, Vogelbeobachtung. Was war der Punkt, an dem du wusstest: Das ist mein Weg?
Tatsächlich war mir lange nicht bewusst, dass es möglich ist, diesen Weg einzuschlagen. Ohne großen Plan entschied ich mich mal „irgendwas mit Natur“ – erstmal Waldwirtschaft und Umwelt zu studieren. Durch verschiedene Exkursionen und Wahlfächer zu Wildtierökologie und Ornithologie war mir relativ schnell klar, dass ich einen zoologischen Schwerpunkt setzen wollte. Nach einem Praktikum im Luchs- und Wolfsmonitoring in Baden-Württemberg wusste ich, wohin mein Weg führen soll. Während des Studiums in Wien verbrachte ich auch immer mehr Zeit mit Vogelbeobachtung und entschied mich, eine Praxisstudie im Wiesenweihenschutz durchzuführen. Die Zeit, in der ich neben Wiesenweihen auch zahlreiche andere Feldvögel beobachten konnte, hab ich sehr genossen.

Du arbeitest nicht nur als birdingtours Reiseleiterin, sondern auch als Wildtiermanagerin an einer bayerischen Naturschutzbehörde – also mitten im Naturschutz. Kannst du uns erzählen, was man sich konkret unter dieser Aufgabe vorstellen kann und wie du dabei Wissenschaft und Gefühl miteinander verbindest?
Ein Großteil meiner Arbeit besteht aus Öffentlichkeitsarbeit sowie Austausch und Vernetzung mit verschiedenen Interessensgruppen und Akteuren. Ich unterstütze im staatlichen Monitoring und mache Infoveranstaltungen vor allem zum Thema Wolf und Herdenschutz, mit dem Ziel Konflikte und Ängste in der Bevölkerung zu minimieren. Die Wissenschaft gibt mir dabei die Grundlagen, die Lebens- und Verhaltensweise der Wölfe zu erklären und Betroffene fachlich zu beraten. Gleichzeitig erfordert es viel Verständnis für unterschiedliche Meinungen und je nach Situation aufkommende Emotionen.
Als Wildtiermanagerin begleitest Du die Rückkehr des Wolfs in Bayern. Was geht in dir vor, wenn du über dieses Tier sprichst?
Es ist beeindruckend, wie ein Tier allein durch die Unterschutzstellung seinen Lebensraum zurückerobern kann. Anders als andere gefährdete Arten benötigt der Wolf unsere direkte Hilfe nicht, Lebensraum, Nahrung usw. sind verfügbar. Seine Anwesenheit und (meist) heimliche Lebensweise in unseren Wäldern fasziniert mich. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass diese Faszination nicht jeder teilen kann, und das ist auch in Ordnung so. Mein Ansporn ist, durch Beratung und Unterstützung die Akzeptanz für den Wolf zu fördern und Wege zu einer konfliktarmen Koexistenz zu finden.

Was ist aus deiner Sicht der größte Irrtum, den Menschen über Wölfe haben?
Hartnäckig hält sich die Theorie vom „Alpha-Wolf“, der sich seinen Rang an der Spitze eines zusammengewürfelten Rudels hart erkämpft hat. Dabei leben Wölfe in freier Wildbahn im Familienverband, ein Rudel besteht aus den beiden Elterntieren und ihren Nachkommen, wobei die 1-2-Jährigen ihren Eltern bei der Aufzucht der Welpen helfen. Unser Bild vom Wolf ist noch stark geprägt von Mythen und Märchen, aber auch von aktuellen, oft unsachlichen Medienberichten. Ich kann jedem nur nahelegen, sich sachlich über das Thema zu informieren und nicht von emotionalen Debatten beeinflussen zu lassen. Es hilft, sich mit der Biologie der Wölfe vertraut zu machen, um das tatsächliche Konfliktpotential einordnen zu können.
Wenn du als Reiseleiterin mit birdingtours unterwegs bist – ist das für dich ein Ausgleich zu deiner Arbeit in der Behörde, oder eine Fortsetzung auf anderer Ebene?
Ich würde sagen beides. Mit Birdingtours bin ich mit Gruppen unterwegs, die sich grundsätzlich an der Natur- und Tierbeobachtung erfreuen. Das gibt mir viel Energie und es tut gut, sich mit der Natur abseits von Konfliktfeldern zu beschäftigen. Gleichzeitig spreche ich mit den Teilnehmenden auch gerne mal über Wolf und Luchs. Ich treffe bei den Touren Leute aus unterschiedlichen Bundesländern mit unterschiedlichen Erfahrungen und Meinungen. Der Austausch ist auch für mich immer sehr spannend und ich freue mich, wenn ich nebenbei auch ein paar Infos zu Wolf und Luchs vermitteln kann.
Du sagst, Vogelbeobachtung ist für dich wie das Schärfen der Sinne. Was hast du durch die Vögel über Wahrnehmung gelernt?
Ich genieße es, dass ich beim Vögelbeobachten „Störgeräusche“ ausblenden kann. Ich fokussiere mich auf den Gesang, den ich gerade hören und erkennen möchte. Oft kann ich mich nicht entscheiden, ob ich gerade auf dem Weg nach Tierspuren oder in den Bäumen nach Vögeln suchen soll. Da ist es natürlich hilfreich, wenn Vögel akustisch auf sich aufmerksam machen und ich mit allen Sinnen möglichst viel um mich herum wahrnehmen kann. Während sonst im Alltag viel Multitasking gefragt ist, kann ich mich beim Birden auf eine Sache konzentrieren. Auch wenn man dabei nicht direkt zur Ruhe kommt, empfinde ich den Fokus dabei für mich als sehr erholsam.

Gibt es eine Beobachtung, die dich nie losgelassen hat?
Im Wiesenweihenschutz erlebe ich solche Momente immer wieder. Wenn ich durch langes Suchen und Beobachten ein Nest im Getreidefeld endlich lokalisieren kann, und wir dadurch die Jungvögel bei der Ernte schützen können, war die Beobachtung nicht nur ein schönes Erlebnis für mich, sondern kann auch zum Artenschutz beitragen. Ein besonderer Moment war für mich außerdem meine erste Wolfssichtung. Das Tier hat in einiger Entfernung zu meinem Beobachtungspunkt den Weg überquert, kurz innegehalten, mich angeschaut, und ist direkt wieder verschwunden. Dieser kurze Blickkontakt war aufregend und friedlich zugleich.

Du hast auch Jugendgruppen über Wölfe aufgeklärt. Was möchtest du jungen Menschen mitgeben? Und warum könnte auch gerade für sie das Birding interessant sein?
Ich möchte vor allem Wissen zu den Tieren vermitteln. Das ist dann im besten Fall die Grundlage für Begeisterung oder zumindest Verständnis. Gleiches gilt natürlich auch für Vögel. Artenkenntnisse und Freude am Beobachten schafft eine Motivation, Arten zu schützen. Gerade in der Vogelwelt ist die Vielfalt an Beobachtungsmöglichkeiten extrem groß, sodass es immer noch etwas Neues zu entdecken oder zu lernen gibt. Man verbringt viel Zeit draußen, hat aber gleichzeitig auch spannende Möglichkeiten, Technik einzusetzen. Und wer gerne mal einen Wolf sehen möchte, tut sich außerdem einen großen Gefallen, wenn er sich auch für Vögel interessiert, um sich bei langer Wartezeit (oft vergeblich, ich sprech aus Erfahrung) nicht zu langweilen – sondern sich im Gegenteil an jeder Zufallssichtung erfreuen kann.

Wenn du in zehn Jahren zurückblickst – was wünschst du dir?
Ich würde mir wünschen, dass Natur- und Artenschutz einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft haben und die Daseinsberechtigung oder der „Nutzen“ von heimischen Arten nicht mehr in Frage gestellt wird. Unsere heimische Tierwelt ist nicht nur sehens- und erlebenswert, sondern erfüllt auch wichtige Funktionen im gemeinsamen Lebensraum von Mensch und Tier.
Wir bedanken uns herzlich bei Ronja Schlosser für dieses offene und inspirierende Gespräch. Wir wünschen ihr alles Gute für ihre Zukunft, ihre Ziele – und für ihren unermüdlichen Einsatz im Naturschutz.