Die Elster: Ein Vogelporträt

Die Elster: Ein Vogelporträt

Schon von weitem kann man es sehen. Wie ein großer dunkler Klumpen hängt es in den lang

ausgestreckten Ästen der alten Platane und trotzt den rüttelnden Herbststürmen nun schon seit fast zehn Jahren. Etwa einen halben Meter beträgt jetzt sein Umfang, und jeder, der das alte Elsternest bewohnte, hat etwas zu seinem Bestand beigetragen und sei es nur die Abwehr der stets neugierigen Rabenkrähen gewesen. Die schwarzen Verwandten sind an gutem Nistmaterial interessiert und haben oft genug versucht, auf bequeme Art an einen Haufen brauchbarer Zweige zu kommen. Oder sie versuchen Eier oder Nestlinge zu erbeuten. 

ln diesem Jahr sind es wieder die Elstern, die das alte, erprobte Nest zum Zentrum ihres Reviers gemacht haben. Im Vorjahr zogen Turmfalken vier Junge in der Elsternburg groß. Sie bauen ebenso wie die Waldohreule keine Nester und sind so auf die Vorarbeit von Rabenkrähe und Elster angewiesen.

 

Im Winter ans Brüten denken...

Elster im Flug von hinten am Himmel
Elster (T. Griesohn-Pflieger)

Jetzt, in der ersten Januarwoche, scheint nach dreiwöchigem stürmischem Regenwetter die fahle Wintersonne. Ihre Kraft reicht aus, Kohl- und Blaumeisen zum Singen zu bringen, und auch das Elsternpaar scheint für einen halben Tag, die winterliche Nahrungsknappheit zu vergessen. Aufgeregt “schackernd”, und ohne die fast sprichwörtliche Wachsamkeit zu verlieren, nesteln die Vögel, nervös mit dem langem Federschwanz schlagend, an ihrem Nest herum. Und als ob es schon Frühling wäre, beginnen sie mit den ersten Ausbesserungsarbeiten, tragen kleine Ästchen herbei, bauen sie in die Burg ein, schlüpfen in die Nestkugel und begutachten die Winterschäden.

Elsternnester sind begehrt

Elstern
Elsterwürger (Thomas Griesohn-Pflieger)

Etwa 40 bis 60 Prozent der auffälligen Elsternnester sind gar nicht von Elstern besetzt. Eine Größenordnung, die zeigt, wie viel potenziellen Nistraum die fleißigen Rabenvögel für andere Vogelarten und als Reserve für sich schaffen. Das bedeutet aber auch, dass längst nicht jedes Elsternrevier wirklich auch von einem Elsternpaar zur Aufzucht von Jungen genutzt werden kann. Das ist unter anderem dann nicht der Fall, wenn, durch günstige Nahrungsmöglichkeiten bedingt, sehr viele Elstern ein Revier suchen. Dann kommt es vor, dass die Zahl der Reviere nicht ausreicht.

Viele Elstern verderben den Brei

Elster
Maghreb Elster (M. von den Steinen)

Und nun tritt ein natürlicher Regulationsmechanismus in Kraft. Viele Elstern verderben sich gegenseitig den Brei: die zahlreichen revierlosen Elstern sorgen für ständige Reibereien an den Reviergrenzen, stibitzen das Nistmaterial, machen den Etablierten die Nahrungsgründe streitig und stehlen letzten Endes dem gestressten Brutpaar die Eier oder die Nestlinge. Die Folge ist, dass nur so viele Elstern auch Nachwuchs produzieren wie es die Elsterngesellschaft “erlaubt”, beziehungsweise wie der Nahrungsraum es zulässt. Nach Meinung vieler Zeitgenossen sind das freilich noch viel zu viele. Von Elsternplage, Elsternpest, Übervermehrung und von Schäden für das ökologische Gleichgewicht ist dann die Rede.

 

Aufregende Brutzeit

Elster
Blauelster (C. Moning)

Um den Monatswechsel von März zu April - noch sieht es draußen nicht gerade freundlich aus - liegen fünf bis acht Eier in der Nestmulde, die oft mit Erde ausgestrichen und dadurch regelrecht gepanzert ist. Nur das Weibchen brütet, während das Männchen in aller Regel vollauf damit beschäftigt ist, Gefahren aller Art abzuwehren. Zum Beispiel muss der “Club der Nichtbrüter” - ein Haufen revierloser Artgenossen – regelmäßig in die Schranken verwiesen werden. Rabenkrähen, die in den frühen Morgenstunden bis in die menschlichen Siedlungen vordringen und Appetit auf Elsterneier haben, werden mit aufwändigen Flugmanövern verjagt, und natürlich wird auch jede Katze, jeder durchziehende Greifvogel, jedes Eichhörnchen, jeder verdächtig umherschleichende Mensch mit Argusaugen verfolgt und schackernd dem Brutpartner angezeigt. Zeit zum Entspannen finden brütende Elstern eigentlich nie.

Elstern und ihre Jungen - Keine Rabeneltern

Nur in punkto Rabenvögel, da ist man störrisch. “Sind es denn nicht doch zu viele?”' oder “Bei uns gibt es gar keine anderen Vögel mehr” und “Ach hab' es doch selbst gesehen, wie sie drei Amselnester ausgeraubt haben”. Wer seine “Lieblingsnaturschutzobjekte” in Gefahr glaubt, greift manchmal sogar zur Flinte!

Nach knapp drei Wochen ist es so weit: Mühsam pellen sich die Elsternkinder aus dem Ei, liegen wie ein Häufchen Elend im überdachten Nest. Hilflos, schutzbedürftig, ausgeliefert, ein Mittelding zwischen Eidechse und Wattebausch, Vogel und Muppet-Show-Monster. Aber sie werden gehudert, geschützt, gefüttert und gehegt. Denn Elstern sind keine “Rabeneltern”.
Fast vier Wochen umsorgen und verteidigen sie mit aller Inbrunst ihre Jungen, und dann sind die Kleinen flügge, hüpfen von Ast zu Ast, wagen den Flug auf viel zu kleinen Flügeln mit viel zu kurzem, runden Schwanz in den nächsten Alleebaum, der sie mit offenen Armen empfängt . ..
Eins wird von einer Katze gefressen, ein zweites holt ein umher streifender Habicht und ein drittes wird, verkühlt und durch innere Parasiten geschwächt, von Kindern aufgegriffen und ist drei Tage später tot.

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