Der Goldammer: Ein Vogelporträt
"Dass so einen bunten Vogel bei uns gibt!" Manche Neulinge in der Vogelkunde, die bei birdingtours die Vogelwelt kennenlernen, wollen es kaum glauben, wenn sie im Spektiv mit mehr als dreißigfacher Vergrößerung ein Goldammermännchen mal richtig nah sehen können.
Kanarienvogel der Hecken
Die Männchen sind während der Brutzeit, also schon von Februar bis in den Spätsommer hinein, leuchtend goldfarben gefärbt. Vor allem der Kopf leuchtet wie Gold und zeigt nur wenige bräunliche Streifen. Auch die Unterseite ist gelb mit braunrötlicher Brust und bräunlich-grauen Flügeldecken. Die Ammerfrauen sind unscheinbarer grünbraun gefärbt, jedoch immer unverkennbar gelb an Kehle und Unterseite. Nach der Brutzeit verblassen auch die Männchen und ähneln den Weibchen. Goldammern sind etwa spatzengroß.
Weltbekannter Gesang
Aber das "goldige " Aussehen ist wenig im Vergleich zur akustischen Bekanntheit der gelben Sänger. Ihr Gesang, eigentlich nur eine recht kurze simple Strophe, ist zum Kulturgut aufgestiegen und ist in Hochkultur und Folklore gleichermaßen zu Hause. Übersetzt es “der Volksmund” noch mit "wie wie hab ich dich liiiiieb", so erhebt sie Mozart zum Leitmotiv in der Arie vom Vogelfänger in der Oper "Die Zauberflöte". Und dann Beethovens Fünfte! Der fast schüchterne Gesang des kleinen Vogels wird zum furiosen Auftakt der berühmtesten (Schicksals-) Sinfonie des großen Komponisten verwandelt und damit gleichfalls weltbekannt.
“Wie, wie hab ich dich lieb!”
Dass so eine einfache Strophe, die zudem der Landbevölkerung früherer Zeiten von jedem zehnten Busch entgegen schallte, populär werden musste, liegt auf der Hand und neben der bereits erwähnten Verbalisierung gibt es noch andere. Viele Dutzend sind in der Literatur zu finden. Nur drei sollen noch angeführt werden. So reimen die pragmatischen Engländer etwas unprosaisch "A little bit of bread and no cheese!" ("Ein bisschen Brot und keinen Käse!") Auf das Wetter bezieht man sich mit "Wie, wie wie ist es doch so - schwüüül!" im Mecklenburgischen klingt es handfest "Lick, lick, wat ik schiet."
Sänger von früh bis spät
Goldammern singen schon früh im Jahr und beginnen mit ihrer Schicksalsmeodie bei gutem Wetter schon um Februar und geben ihre kleinen Ouvertüren bis in den Herbst hinein zum Besten. Der "große Naumann" (Johann Friedrich Naumann aus Köthen), der als Begründer der modernen Ornithologie gelten kann, schilderte die wohltuende Wirkung des kleinen Gesangs: "Zudem ist ihr Gesang angenehm, besonders im Anfang des Frühlings, so dass sie damit manchen Menschen Freude machen, auch manche Gegend beleben."
Hecken und Waldrandvögel
Die Goldammer, früher auch DER Goldammer, ist eine Bewohnerin der Feldflur und brütet dort in Hecken, am Fuß von kleinen Gehölzgruppen oder sogar in solitär stehenden Gebüschen. Aber selbst die sind ja selten geworden. Obwohl sie so anspruchslos ist, ist der Bestand der Goldammern rückläufig und in den Randbereichen ihres Vorkommens hat sie schon manche Gegend geräumt. Aus intensiv genutzten, ausgeräumten Agrarlandschaften ist die Goldammer weitgehend verschwunden. Flächenzusammenlegungen, Beseitigung der natürlichen Parzellenbegrenzungen, Asphaltierung von Straßen und Feldwegen und Einsatz von Herbiziden sind nur einige Stichwörter, die in diesem Zusammenhang genannt werden müssen.
Anspruchslose Gemischtköstler
So vielgestaltig der Lebensraum der Goldammer sein soll, so vielgestaltig ist ihre Nahrung. Sie essen größtenteils Samen, füttern ihren Nachwuchs aber mit Spinnen, Käfern, Hautflüglern, Schmetterlingslarven und Heuschrecken. Goldammern brüten zweimal im Jahr.
Goldammern als Symbol der Kulturlandschaft
In den 1990er Jahren schätzte man den deutschen Bestand auf etwa zwei Millionen Brutpaare. Die jüngste Zählung von 2017 bis 2022 ergab eine Schätzung von maximal 1,6 Mio. Brutpaare. Das Tragische am Rückgang der Goldammer ist, dass ihr Vorkommen Landschaften und Regionen kennzeichnet, die auch für uns Menschen den höchsten Erholungswert haben: Kulturlandschaft. So gesehen ist die Goldammer auch ein Symbol für eine gesunde und nachhaltige Landwirtschaft.
Thomas Griesohn-Pflieger