Gebirgsstelze: Wie kam die Stelze, die aus den Bergen kam
Gebirgsstelze: Der Namen dieser hübschen Stelzenart erzählt eine Geschichte. Und in dieser Geschichte erfahren wir nicht nur etwas darüber, wie wir Menschen mit unserem eigenem Biotop umgehen oder umgegangen sind, sondern auch wie flexibel dieser kleine Vogel auf seine Umwelt reagiert.
Vögel am Bach
Wir stehen an einem Bach, der unseren Weg begleitet. Er ist breit und tief genug, dass der Eisvogel hier sein Revier haben könnte. Also beschließen wir, eine Viertelstunde zu warten. Vielleicht kommt er ja mal vorbeigeschossen oder setzt ich gar auf die Wurzel, die aus der abgebrochenen Böschung herausragt?
Schon nach fünf Minuten kommt ein Vogel in schnellen Bogenflug um die Bachwindung geflogen und seht nun auf dem großen Stein, der unter der Böschung vom Wasser umspült wird. Sofort wissen wir, dass das kein Eisvogel oder gar eine Wasseramsel sein kann. Die Farben, gelb, grau schwarz, schließen das aus und auch das Verhalten – im Bachbett auf einem Felsbrocken stehend mit dem Schwanz wippend, das kann nur eine Gebirgsstelze sein. Und jetzt hören wir auch den kennzeichnenden Ruf der Stelze, der dem der Bachstelze sehr ähnlich ist, aber hörbar schärfere Töne enthält. “Zississ” ruft sie. Aber sollten am Bach nicht eher Bachstelzen zu erwarten sein?
Bachstelzen auf dem Trockenem
Bachstelzen waren früher die Stelzen, die außerhalb des Gebirges an Bächen des Flachlandes zu erwarten waren. Sie ist aber keineswegs auf Bäche angewiesen, sondern sie kommt auch in der Agrarlandschaft, in Dörfern und Städten mit Rasenflächen vor und ist relativ flexibel, was den Lebenstraum angeht. Hauptsache es gibt reichlich Insekten, die sie im schnellen Lauf erbeutet.
Manche Menschen nennen die Gebirgsstelze auch Gelbe Bachstelze, und sie ist, abgesehen von der Gefiederfärbung, der schwarz-grau-weißen Bachstelze sehr ähnlich, aber durch den wesentlich längeren Schwanz und eben das viele Gelb im Gefieder ist sie gut zu erkennen. Warum heißt sie nun Gebirgsstelze?
Vom Abwasserdreck in die Berge getrieben
Noch zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts sahen unserer Bäche anders aus als heute. In ihnen floss, sobald sie in ihrem Lauf die menschlichen Siedlungen erreichten, meist eine dunkle, schlecht riechende Kloake. Alle möglichen Abwässer wurden von Wohnhäusern, Bauernhöfen, Fabriken und Werkstätten und von den Straßen in den nächsten “Vorfluter” – sprich “Bach” – geleitet.
Nur im Gebirge waren die Bäche sauber und frei von Abwässern. Und dort konnte die Gebirgsstelze existieren. Erst später als eine schärfere Gesetzgebung mit dem ersten bundesweiten Wasserhaushaltsgesetz von 1957 das ungeklärte Einleiten von häuslichem Abwasser rechtlich massiv eingeschränkte, konnte die Gebirgsstelze das Gebirge verlassen. Heute sind rund 97 % der Bevölkerung in Deutschland an die öffentliche Kanalisation und damit an eine Kläranlage angeschlossen. Gut für die Gebirgsstelze und die anderen Bachbewohner!
Namenswirrwarr der Stelzen
Erst dann konnten die Gebirgsstelzen vom Gebirge kommend den Bächen bis ins Flachland folgen und sie kommen heute bis an die Meeresküsten vor. Ein schönes Beispiel dafür wie sich Umweltgesetze sehr direkt auf das Leben der Tiere und Pflanzen auswirken. So wurde aus der Gebirgsstelze eine “Bachstelze”, aber da der Name schon vergeben war, blieb es bei ihrem ursprünglichen Namen aus dem 18. Jahrhundert. Konsequenter wäre es, die Bachstelze Wiesenstelze, die Gebirgsstelze Bachstelze und die Schafstelze Viehstelze zu nennen.
Das Geheimnis des Schwanzwippens
Ein letztes Rätsel gilt es noch zu lösen. Warum wippen die Stelzen und besonders die Gebirgsstelze so auffällig mit dem langen Schwanz? Die Vogelkundler haben dazu zwei Antworten. Zum einen sei es hilfreich bei der Nahrungssuche. Durch das Wippen werden Insekten am Boden aufgeschreckt, wodurch sie für die Stelze besser sichtbar werden. Und zum anderen kann das ständige Wippen als visuelles Signal gegenüber anderen Vögeln wirken. Es zeigt die Präsenz des Vogels an und kann helfen, das Revier zu sichern. Aber es ist möglicherweise auch ein Signal der Wachsamkeit. Beutegreifern, wie dem Sperber, wird so signalisiert, dass der Vogel aufmerksam und nicht leicht zu fangen ist.
Thomas Griesohn-Pflieger