Die Amsel: Ein Vogelporträt
„Bei mir brütet eine Amsel im Blumenkasten! Was soll ich jetzt bloß tun? Kann ich den Balkon jetzt nicht mehr betreten?“ Die Anruferin war hörbar aufgeregt. Wie sich herausstellte, war sie den Amseln durchaus zugetan, fürchtete aber nun einen Sommer ohne Balkonaufenthalt verbringen zu müssen.
Vögel als Nachbarn
In den begrünten Quartieren unserer Städte finden sich Vogelarten, die noch vor zwei oder drei Menschengenerationen eher im Wald anzutreffen waren. Die älter werdenden Baumbestände, die nach dem Krieg gepflanzt wurden, werden für Eichelhäher, Buntspecht und Kleiber interessant, aber vor allem sind es Amseln, Kohl- und Blaumeisen, Grün- und Buchfinken und an manchen Plätzen noch Haussperlinge, die in den Städten den Lebensraum finden, der außerhalb verschwunden ist. Dazu kommen die großen Singvögel, Eichelhäher, Rabenkrähe und Elster, die ebenfalls erfolgreich die Städte erobert haben.
Schutzschirm Mensch?
Schutzschirm Mensch?
Aber es sind hauptsächlich die kleinen Singvögel, die den Menschen nahe kommen und oft in seiner unmittelbaren Nachbarschaft brüten. Dabei kann man manchmal den Eindruck haben, als suchten sie die Nähe der Menschen, vielleicht weil sie merken, dass potenzielle Nesträuber diese Nähe eher meiden.
Balkon als sicherer Brutplatz
Aber was ist nun mit der Amsel, die im Blumenkasten auf dem Balkon brütet? Amseln brüten bei uns von April bis in den Juli hinein. Drei bis sechs Eier stark ist das Gelege das etwa in einer Woche komplett ist. Dann beginnt die eigentliche Brutzeit. Sie dauert 14 Tage. Etwas mehr als zwei Wochen werden dann die Jungen im Nest betreut und außerhalb des Nestes als flügge Jungvögel nochmals etwa 14 Tage von den Eltern mit Nahrung versorgt.
Nachbarschaft trainieren
Der Balkon ist also, wenn das Nest bereits gebaut ist, für etwa fünf Wochen okkupiert. Das muss aber nicht heißen, dass menschlicher Besuch auf dem Balkon nicht möglich ist. Je länger die Amsel bereits auf den Eiern sitzt, desto standhafter wird sie im Nest bleiben und nicht flüchten. Auf größeren Balkons ist es durchaus möglich die Vögel an die Anwesenheit von Menschen zu gewöhnen und sogar später das Füttern der Kinder aus wenigen Metern Entfernung zu verfolgen.
Diskrete Duldung
Je mehr ein Vogel war bereits in den Nachwuchs investiert hat, desto mehr „Störung“ ist er bereit zu ertragen, um die Brut zum Erfolg zu führen. Man sollte allerdings, zumindest in der Gewöhnungsphase, die Vögel nicht direkt anschauen sondern diskret zu Seite blicken. Nicht nur bei uns Menschen wird das direkte Anstarren als bedrohlich empfunden. Dass man lautes Auftreten und plötzliche starke Bewegungen vermeiden sollte, versteht sich von selbst.
Aus Waldamsel wird Stadtamsel
Der Einzug der Amseln in die Städte wurde von der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Königsberg berichtet, seitdem ist der scheue Waldbewohner nach und nach in die urbanen Siedlungen eingewandert und hat den “deutschen Frühling” mitgebracht. Das, was viele ausgewanderte Mitteleuropäer in der der neuen Heimat vermissen, ist jetzt zwischen Wohnblöcken zu hören, der melodische abwechslungsreiche aber immer etwas getragene flötende Gesang der Amseln. Vor allem am frühen Morgen und späten Abend, wenn die Luft feuchter ist und den Schall besser trägt, singen die Amselmänner von Dachfirsten, Antennen und Baumspitzen ihr Lied. Ohne Amselgesang würde der Frühling
Individueller Sänger
Anders als bei Kohlmeisen oder Buchfinken, singt kaum eine Amsel wie die andere. Im Gegenteil! Wer gut zuhört und Geduld hat, wird bemerken, dass Amselmänner häufig im Duett singen und dabei Phrasen und kurze Melodien des Nachbarn wiederholen und oft sogar noch „eins draufsetzen“ indem sie einen Triller oder etwa eine Tonhöhenänderung dranhängen. Durch diesen Sängerwettstreit werden die Gesänge im Laufe des Frühjahrs immer komplexer, ehe sie Ende Juli Anfang August dann verstummen.
Diskrete Balz
Die Nähe, die die Amseln in unseren Siedlungen zulassen, bescheren uns Vogelnarren intime Beobachtungen. Allerdings pflegen die Schwarzdrosseln, wie sie im Rheinland heißen, was ihr Eheleben angeht, eine gewisse Diskretion. Nicht in jedem Jahr darf ich dabei sein, wenn der Amselmann balzend fast wie ein Auerhahn seine Auserwählte zu beeindrucken sucht und nur einmal überhaupt habe ich eine Amselpaarung erlebt. Und das bei einem Vogel dem ich fast täglich auf wenige Meter Nähe begegne.
Kennenlernen durch Nähe
Kennenlernen durch Nähe
Diese Nähe ermöglicht es oft, einen entscheidenden Schritt in unserer Beobachtungsqualität zu gehen, nämlich Vögel individuell zu erkennen. Kleine Gefiedermerkmale, dunkle Punkte auf dem gelben Schnabel, Unterschiede in der Kehl- und Brustfleckung oder Schnabelfärbung bei den Amselfrauen lassen uns erkennen, dass nicht „das“ Amselpaar im Winter an den Äpfeln Gefallen findet, sonders es möglicherweise ein halbes Dutzend ist.
Nähe schafft Verbundenheit
Manche Menschen, wie die Anruferin, die auf ihrem Balkon das Familienleben der Amsel hautnah mitbekommen hat, haben so viel Freude an diesen Naturbeobachtungen, dass sie regelrecht an Entzug leiden, wenn die gefiederte Familie ausgezogen ist. „Ich bin erst mal in ein richtiges Loch gefallen und habe versucht, möglichst lange das Schicksal der jungen vier Amseln weiterzuverfolgen. Nach zwei Wochen waren zumindest noch zwei von ihnen am Leben. Jetzt hoffe ich, dass nächstes Jahr die Amsel den Blumenkasten wieder als Neststandort aussucht!“, schreibt sie im August.
Nähe schafft Freundschaft und Verbundenheit, Freude und Sorgen.
Thomas Griesohn-Pflieger