Die Bretagne ist ein raues Land, geprägt vom Atlantik, seinen Wellen und Winden. Die Insel Ouessant ist der äußerste Vorposten der Bretagne, der westlichste Fleck des französischen Festlandsockels, gebaut auf uraltem Granit.
Damit ist das wesentliche Gepräge der Insellandschaft bereits umrissen: selbst hohe Granitküsten können den Eindruck der gewaltigen Kraft der Brandung an ihrer Basis kaum abmildern; grobe Felsblöcke ragen wie Menhirfelder in den Himmel auf; wenige Gebüsche drücken sich in windgeschützte Senken; und an der Westspitze thront einer der weltweit leistungsstärksten Leuchttürme, um der vorgelagerten Schifffahrtsstraße, die aus der Biskaya in den Ärmelkanal führt, den Weg zu weisen.
Doch die Inselnatur ist nicht nur Härte gewohnt, sie beherbergt vor allem herrliche Landschaften in abwechslungsreicher Umgebung. Trotz der geringen Größe von 8 km Länge und 3 km Breite ergänzen sich Seekliffs und Geröllstrände, kleine Buchten und vorgelagerte Inselchen, Heiden und kurzrasige Wiesen, kleine Sümpfe und buschbestandene Tälchen zu einer überaus reizvollen Landschaft. Und vor allem bietet diese Landschaft einen äußerst attraktiven Hintergrund für Vogelbeobachtung allerfeinster Art und Weise: Wenige, aber attraktive Brutvogelarten (z.B. Alpenkrähen), sind im Herbst in der Minderheit und Schwärme von Zugvögeln prägen das Bild. Die Insel bietet Rastmöglichkeiten für Durchzügler und Seltenheiten aus allen Himmelsrichtungen: mitteleuropäische und skandinavische Brutvögel bilden den Hauptteil der wandernden Trupps. Es gibt eigentlich immer was zu sehen: mit ein bisschen Glück und Ausdauer auch einiges für lebend gewordene Träume mitteleuropäischer Vogelbeobachter:
Sibirische Gelbbrauen-Laubsänger sind fast jeden Oktober in zweistelligen Anzahlen auf der Insel zu finden, begleitet von alljährlichen Dunkel- und Bartlaubsängern. Zentralasiatische Steinschmätzer treten ebenfalls fast alljährlich auf. Und nicht zu vergessen die Gäste aus Amerika: eine Grauwangendrossel ist auf der Ouessant kein irrealer Traum! Und dann sind da ja noch die Limikolen, die hier zwar nicht in großer Anzahl anzutreffen sind, aber die meisten Herbstbesuche warten mit zumindest einer amerikanischen Watvogelart auf!
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille: denn es gibt ja noch den Atlantik. Und der ist um die Ouessant freigiebiger als anderswo: Balearen- und Dunkle Sturmtaucher surfen fast ständig um die Insel, alle vier Raubmöwenarten sind regelmäßige Durchzügler vor der Küste und wenn es richtig bläst, kann man hier alles erwarten: Kleine oder Große Sturmtaucher, Schwalbenmöwen oder Thorshühnchen sind bei den richtigen Bedingungen nicht selten, und man sollte besser nicht im Detail erwähnen, was hier schon alles gesichtet wurde...
Diese Liste könnte man nun endlos weiterführen, aber eines ist klar: die Ouessant ist einer der handverlesenen ornithologischen Orte, an dem einfach alles möglich ist...














